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Uta Reinöhl: Zur Renovation des indoarischen Lokalkasus

Bloged in Neuigkeiten von Marek Dienstag November 10, 2009
Uta Reinöhl
Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Zur Renovation des indoarischen Lokalkasus

Abstract:

In der Grammatikalisierungsliteratur findet sich eine Zweiteilung in zwei qualitativ unter­schiedliche beziehungsweise diachron verschobene Stadien, nämlich einerseits Grammatikalisierung selbst (Stadium I) und andererseits die sogenannte Renovation (Stadium II) (vgl. Lehmann 2002 [1982]:18). Grammatikalisierungsphänomene sind Sprachwandel-phänomene, bei denen lexikalische Elemente (in einer bestimmten Konstruktion) grammatisch werden, oder weniger grammatische Konstruktionen eine stärkere grammatische Funktion erlangen (vgl. Kuryłowicz 1973 [1965]:38; Bybee, Perkins und Pagliuca 1994:4f). Grammatikalisierung meint also Weiterentwicklung sprachlichen Materials, während Renovation Ersetzung einer geschwundenen Konstruktion durch eine neue Konstruktion, meint (vgl. Lehmann 2002 [1982]:17-18). Ein Beispiel für ein Grammatikalisierungsphänomen ist die Entwicklung des lateinischen Lexems passus, „Schritt”, zum französischen Negationsmarker pas in postverbaler Stellung sowie in Verbin­dung mit dem älteren Negationselement ne (vgl. Meillet 1975 [1912]:140; Hopper 1991:26). Zugleich ist die Entstehung der Konstruktion [ne V[erb] pas] eine Renovation oder Erneuerung der früheren Konstruktion [ne V] mit neuem morphologischem Material.
Potentielle Renovationen sind insgesamt wenig erforscht und man beschränkt sich in der Literatur meist auf die bloße Feststellung einer Renovation, also die Beobachtung, eine Konstruktion x sei durch eine Konstruktion y erneuert worden. Im indogermanistischen Kontext zielen derlei Beobachtungen typischerweise auf die Erneuerung der früheren flexivischen Nominal- und Verbalparadigmen durch periphrastische Konstruktionen wie Adpositionalphrasen oder Hilfsverbkonstruktionen. Der Frage, ob die neuen Konstruktionen tatsächlich dieselben Funktionen wie ihre vermeintlichen Vorgänger erfüllen, wird in der Regel nicht nachgegangen. Stattdessen werden diachron gestaffelte Konstruktionen mit ähnlicher Funktion mit groben Benennungen wie Futur oder Akkusativ versehen, die den Eindruck eines diachronen Zusammenhangs suggerieren. Dabei stellt sich die grundsätzliche Frage, ob es überhaupt so etwas geben kann wie einen diachronen Zusammenhang zwischen funktional ähnlichen Konstruktionen. Häufig findet man auch die Praxis, überhaupt keine bereits bestehenden Strukturen zu berücksichtigen, das heißt, Grammatikalisierungs-phänomene werden häufig beschrieben als würden sie in einer Art Vakuum stattfinden (Kahr 1976:109).
Um diesen Fragen nach Existenz und Charakter von Renovationsphänomenen auf den Grund zu gehen, wird hier exemplarisch das Verhältnis zwischen altindoarischem Lokativ und der Postpositionalphrase [OBL + mẽ] im Hindī untersucht, die ebenfalls eine lokativische Funktion, etwa mit der Bedeutung „in x“, ausübt. Die indoarischen Sprachen eignen sich für eine solche Untersuchung in besonderer Weise, da sie (i) seit einer sehr alten Sprachstufe, dem Vedischen, verhältnismäßig gut überliefert sind und (ii) eine drastische Reduktion des Kasussystems von acht auf zwei Fälle, sowie die parallele Etablierung eines komplexen Postpositionalsystems, durchlaufen haben.

Literatur:

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Bybee, Joan, Revere Perkins und William Pagliuca. 1994. The Evolution of Grammar: Tense, Aspect, and Modality in the Languages of the World. Chicago, London: The University of Chicago Press.

Hopper, Paul J. 1991. „On Some Principles of Grammaticalization”, in: Elizabeth C. Traugott und Bernd Heine (Hrsg.). Approaches to Grammaticalization (Band I). Amsterdam, Philadelphia: Benjamins, 17-35.

Kahr, Joan Casper. 1976. „The Renewal of Case Morphology: Sources and Constraints”, Working Papers on Language Universals / Stanford (20), 107-151.

Kuryłowicz, Jerzy 1973 [1965]. „The Evolution of Grammatical Categories”, in: Jerzy Kuryłowicz. Esquisses Linguistiques (Band II). München: Fink, 38-54.

Lehmann, Christian. 2002 [1982]. Thoughts on Grammaticalization (2. überarb. Aufl.). Arbeitspapiere des Seminars für Sprachwissenschaft der Universität Erfurt Nr. 9.

Meillet, Antoine. 1975 [1912]. „L’évolution des formes grammaticales“, in: Antoine Meillet. Linguistique Historique et Linguistique Générale. Paris : Champion, 130-148.

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