Maciej Leszczynski: Grammatikalisierung des zu-Infinitivs im Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen
Grammatikalisierung des zu-Infinitivs im Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen
Abstract
Im Gegenwartsdeutschen gibt es eine ganz häufig gebrauchte Konstruktion, die sich aus einem Infinitiv und einer diesem Infinitiv vorangehenden Infinitivpartikel „zu” zusammensetzt. Diese Konstruktion geht wohl noch auf die gemeingermanische Zeit zurück, d. h. auf die Zeit vor dem Beginn der schriftlichen Überlieferung des Deutschen. Allerdings hat diese Konstruktion entsprechend den Prinzipien der Grammatikalisierung im Laufe der Zeit sowohl ihre Form als auch ihre Bedeutung (nach de Saussure „signifiant” (das Bezeichnende) und „signifié” (das Bezeichnete)) verändert. Diese zu-Infinitiv-Konstruktion kann bis zum Beginn der deutschen Überlieferung zurückverfolgt werden.
In meiner Präsentation werde ich meine Doktorarbeit vorstellen, die sich eben mit dem Problem der Grammatikalisierung des zu-Infinitivs in den ältesten Sprachstufen des Deutschen beschäftigt. Meine Doktorarbeit ist eine diachrone, korpusbasierte Untersuchung über die Grammatikalisierung der zu-Infinitive. Die Zeitspanne des historischen Korpus umfasst das Althochdeutsche (abgekürzt als: Ahd.) und das Mittelhochdeutsche (Mhd.), angefangen beim ersten relativ langen Werk, dem ahd. Isidor (um 810 n. Chr.) bis hin zum Ende der mittelhochdeutschen Periode (um 1350 n. Chr.).
Wie Martin Haspelmath in seiner Publikation „From purposive to infinitive - a universal path of grammaticization.” [In: Folia Linguistica Historica X/1-2 (1989), S. 287-310.] aufgezeigt hat, ist es bezeichnend für die Infinitive, dass ihre Spenderlexeme Verbalsubstantive („Nomina actionis”) sind, die als Finalangaben (auf Englisch: „adverbials of purpose”, daher der Terminus Haspelmaths: „purposive”) gebraucht werden und durch die Reanalyse als Valenzergänzungen reinterpretiert werden und sich weiter zu den inhärenten Prädikatsteilen entwickeln können. Der deutsche zu-Infinitiv zeigt denselben Grammatikalisierungspfad (engl. „cline”), den so genannten „slippery slope” [ein Terminus von Hopper/Traugott: Grammaticalization, 1993, S. 6]. Der zu-Infinitiv erschien als eine Erneuerung zu der weniger markanten Form des reinen Infinitivs (d. h. des Infinitivs ohne zu), der im Ahd. auf -an endete und nach Haspelmath die urgermanische Akkusativform darstellt [vgl. Haspelmath (1989), S. 302, Fußnote 9]. Im Ahd. konkurrierten beide Formen miteinander. Allerdings wurde der zu-Infinitiv ursprünglich als Finalangabe benutzt und dann, als Prädikatsteil reanalysiert begann er selbst über andere Valenzergänzungen zu regieren. Im Mhd. erscheint eine weitere Konstruktion, die umbe-ze-Konstruktion und übernimmt allmählich die Funktion der Finalangabe. Der zu-Infinitiv wird hingegen immer mehr auf die Ergänzungsrolle eingeschränkt.
Das Ziel meiner Doktorarbeit ist also aufzuzeigen, wie oft eine Erneuerung auf diesem Grammatikalisierungspfad stattfindet - der nach Haspelmath „universell” (engl. „universal”) ist - und wie viele Grammatikalisierungszyklen es in der genannten Zeit gegeben hat, und insbesondere, welche Zwischenstationen auf diesem Pfad zu erkennen sind und wann sie in der älteren Geschichte des Deutschen stattfanden.
